Das schönste deutsche Buch 2016

Das von uns gestaltete Buch »Architekturführer Köln« wurde von der »Stiftung Buchkunst« zum schönsten deutschen Buch 2016 gekürt. Ein wunderbarer Abend im MAK Frankfurt a.M. zwischen inspirierenden Büchern, großartigen Reden, interessanten Menschen und einem ebenso unerwartet wie großartigen Erfolg liegt hinter uns.
 
»Wir kennen Grasgrün und Smaragdgrün, Lindgrün und Seladongrün, Minzgrün und Olivgrün, Giftgrün und Frühlingsgrün, Pastellgrün und Knallgrün, Resedagrün und Sächsischgrün, Froschgrün und Quietschgrün, Hellgrün, Dunkelgrün und Suppengrün.« Das waren nur siebzehn grüne Farbbezeichnungen, die dem Laudator des gestrigen Abends Andreas Platthaus, Kulturchef der FAZ, in den Sinn kamen. Der Architekturführer trägt die Farbe des Kölner Brückengrüns, »ein Ausdruck weitsichtigen baukünstlerischen Gestaltungswillens«, wie es im Vorwort des Buches heißt. »Heute Abend aber«, sagte Platthaus weiter, »soll sie einmal Büchergrün heißen. Denn das schönste deutsche Buch des Jahres 2016 ist in einem ebenjenem Grün gehalten.«
 
Überrascht, froh, euphorisch und überglücklich nehmen wir diese besondere Auszeichnung entgegen. Danke an die Autorinnen Barbara Schlei, Uta Winterhager, an die Stiftung Buchkunst und an alle, die mit dabei waren! 

 

Laudatio - Andreas Platthaus, F.A.Z. - Feuilleton

Meine Damen und Herren, Freundinnen und Freunde schöner Bücher, liebe kluge Köpfe hinter den schönsten Büchern und hinter dem allerschönsten Buch,

 

wir kennen Grasgrün und Smaragdgrün, Lindgrün und Seladongrün, Minzgrün und Olivgrün, Giftgrün und Frühlingsgrün, Pastellgrün und Knallgrün, Resedagrün und Sächsischgrün, Froschgrün und Quietschgrün, Hellgrün, Dunkelgrün und Suppengrün. Und das sind nur siebzehn grüne Farbbezeichnungen, die mir in ein paar Sekunden eingefallen sind; auf wie viele man kommen könnte, wenn man sich mehr Zeit nähme, zeigt die Liste eines eifrigen Farbtonsammlers im Internet, der mehr als vierhundert Grüntöne auflistet, darunter etliche, die ich noch nie gehört hatte und lieber auch nie sehen will – ich sage nur Maschendrahtgrün oder Plumperquatschgrün. Was aber der besagte Farbtonsammler nicht kennt, ist Brückengrün, genauer Kölner Brückengrün. Dabei dürfte das der Farbton mit dem prominentesten Fürsprecher sein, nämlich Konrad Adenauer, der als Oberbürgermeister der Stadt Köln im Jahr 1929 angeordnet hatte, die gerade errichtete Mülheimer Rheinbrücke in einer Farbe streichen zu lassen, die dem neuen Bauwerk eine vertrauenerweckende Patina verleihen sollte.

 

Adenauer entschied sich für Chromoxidgrün (das der besagte Farbtonsammler wiederum kennt), und diese Entscheidung erfolgte sicher nicht ganz zufällig, sondern deshalb, weil es von einem Farbenhersteller geliefert wurde, der gleich jenseits des Rheins ein wenig nördlich der Mülheimer Brücke angesiedelt ist. Ächte Fründe stonn zosamme, wie eine Spruchweisheit jener rheinischen Lebens- und Geschäftsführung weiß, die in der ganzen Republik als „Klüngel“ bekannt ist. Und eine andere lautet in typisch Kölscher Tautologie: Watt mer ham, datt ham mer. Deshalb wurde das Chromoxidgrün in der Folge auch zum Anstrich der anderen städtischen Brücken Kölns verwendet: für Zoo-, Deutzer und Severinsbrücke, und das bis heute. So kam die Farbe zu dem Namen „Brückengrün“.

Heute Abend aber soll sie einmal Büchergrün heißen. Denn das schönste deutsche Buch des Jahres 2016 ist in ebenjenem Grün gehalten. Das ist einerseits nicht überraschend, weil es sich um einen Architekturführer handelt, der uns zu den modernen Meisterwerken der Baukunst in Köln führen will, andererseits könnte man die Farbgebung irritierend finden, weil keine der vier genannten Brücken Aufnahme im Buch gefunden hat. Doch im Vorwort der Herausgeberinnen Barbara Schlei und Uta Winterhager wird ausgeführt, dass das Kölner Brückengrün für sie „ein Ausdruck weitsichtigen baukünstlerischen Gestaltungswillens“ ist – auch wenn Adenauer mit der Farbgebung ja gerade die Modernität der Mülheimer Brücke kaschieren wollte. Doch die grünpatinierte Brücke wirkte vielmehr progressiv. Das färbt aufs Buch ab.

 

Nun muss ich aber der Vermutung entgegentreten, dass die Jury dem „Architekturführer Köln“ nur deshalb grün gewesen ist, weil er einen Umschlag in Brückengrün aufweist. Gegenüber den anderen Finalisten kommt der Band eher unspektakulär daher, doch gerade das hat uns überzeugt: formal ein klassisches Taschenbuch, real jedoch eine bibliophile Schatztruhe und deshalb mit 24,80 Euro geradezu spottbillig. Es gab den Moment, als wir alle nach der Inaugenscheinnahme der Auswahl um den Tisch mit den 25 ausgelegten gestalterischen Preziosen herumstanden, dazwischen irgendwo das Köln-Buch, und es klaffte leicht auf, so dass man unter dem kartonierten Titelblatt mit dem markanten schwarzen Schriftzug „Köln“ in gestürzter gefetteter Groteskschrift – und mit dem typographisch markanten Ö in Gestalt einer Zielscheibe – das Vorsatzpapier sehen konnte, auf dem wie ein schwacher Durchschlag der gleiche Schriftzug in gleicher Position plaziert ist, nur dort dann brückengrün auf weiß, und dieser virtuose optische Effekt, der nur dadurch entstand, dass ein eigentlich unerwünschter, aber nahezu unvermeidlicher Effekt eintrat: das Aufklaffen eines broschierten Buchs nach wiederholter Lektüre, hat uns bezaubert, weil sich darin eine gestalterische Sorgfalt zu artikulieren schien, die noch die Nachteile des Gebrauchs zum Vorteil umzumünzen versteht. Wir wissen ja alle aus leidvoller Erfahrung: Das schönste Buch ist gemeinhin das unberührte. Hier ist es endlich einmal anders.

 

Das Aufklaffen des „Architekturführers Köln“ ist erwünscht, und es wird durch eine leichte Falz sogar begünstigt, die zudem jenen Teil des kartonierten Umschlags begrenzt, an dem dieser mit dem fadengehefteten Buchblock verklebt ist. Zwei schmale vertikale Streifen an Vorder- und Rückseite des Umschlags reichen dafür aus, der Buchrücken dagegen bleibt unverbunden mit dem Buchblock und kann sich durch die seitlich jeweils anschließende Verklebung beim Aufschlagen des Buchs abstellen, so dass er unverknickt erhalten bleibt – eine brillante Lösung für ein Grundproblem broschierter Bücher. Man könnte gleichfalls grün werden, aber vor Neid: Das Kölner Büro „großgestalten Kommunikationsdesign“, der Verlag der Buchhandlung Walther König und die DZA-Druckerei im sächsischen Altenburg haben eine großartige gemeinsame Arbeit vollbracht.

Ist es für solch ein begeistertes Fazit aber nicht noch zu früh, weil wir ja immer noch beim Umschlag sind und noch gar nicht beim Innenleben des prämierten Buchs? Wenn’s darum geht, könnte ich das matte, schwere Papier loben, das dem Taschenbuch im wörtlichen Sinne Gewicht verleiht: das eines Bildbandes, der es ja auch ist. Die Kartonierung erfolgt bündig zum Buchschnitt, so dass die Anmutung eines grünen Ziegels entsteht: das Buch als Baustein. Und nun geht’s konsequent ins Innere. Über die Qualität der Auswahl – 96 Gebäude, ein Kunstprojekt, ein Masterplan, fünf Spaziergänge und das Internetportal koelnarchitektur.de, aus dem das Buch überhaupt erst hervorging – soll hier gar nichts gesagt werden; ich bin kein Architekturkritiker. Aber wie diese insgesamt 104 Einträge arrangiert und gestaltet sind, darüber kann ich etwas sagen. Jedem vorgestellten Projekt steht eine Doppelseite zu; die fünf Spaziergänge und drei umfangreichere Bauensembles erhalten sogar jeweils deren zwei. Die rechte, die Aufschlagseite, das Recto im traditionellen Verständnis, bietet jeweils eine ganzseitige Fotografie (im Falle der doppelt so umfangreichen Spaziergänge und Ensembles ersetzt durch einen Lageplan auf der ersten und eine Foto-Assemblage mit den zu besuchenden Gebäuden auf der zweiten Recto-Seite). Verso daneben steht die Beschreibung des Objekts, in neusachlicher Groteskschrift, also der Ästhetik jenes Geistes angepasst, der auch die meisten vorgestellten Gebäude hervorgebracht hat. Obwohl man sagen muss, dass aus der Sattelzeit des modernen Bauens, den zwanziger Jahren, gar kein Gebäude, und aus den Dreißigern nur ein einziges den Weg ins Buch gefunden hat. Das ist jedoch kein Versäumnis der Autorinnen, sondern Folge der Zerstörung Kölns im Krieg. Was heute an bemerkenswerten neuen Bauen dort geboten ist, wurde ganz überwiegend nach 1945 errichtet. So erzählt das Buch auch vom Schicksal einer Stadt, ohne große Worte darum zu machen.

 

Die Strenge der Typographie der Erläuterungstexte wird aufgelockert durch eine in der oberen linken Ecke des Satzspiegels eingeblockte dreizeilige und dreistellige fortlaufende Numerierung von 000 bis 103, die genauso wie die danach in normaler Typengröße folgenden Benennungen des Objekts und die Namen der jeweiligen Urheber in jenem Brücken- oder eben heute Büchergrün gehalten sind, das als einzige Zusatzfarbe im sonst sachlichen Schwarzweiß des Bandes fungiert; selbst das Lesebändchen, durchaus keine Selbstverständlichkeit bei Taschenbüchern wie diesem, ist schwarz. Eingesetzt wird das Büchergrün sonst noch zur Einfärbung der Gebäudegrundrisse auf den Lageplänen und vor allem zur Abgrenzung der Kapitel, denn jedem geht eine Schwarzweiß auf Büchergrün gedruckte Doppelseite voraus, die auflistet und mittels eines Umgebungsplans zeigt, was es wo in den jeweils vorgestellten Stadtteilen zu sehen gibt. Die Abfolge der Kapitel ist geographisch bedingt: Vom Zentrum Kölns weg greift das Buch immer weiter aus. So bekommt auch das zielscheibenartig gestaltete Ö des Titelschriftzugs seine inhaltliche Bedeutung: Es deutet die Struktur an, nach der das Buch aufgebaut ist.

Es gäbe schlichtweg gar nichts zu bemängeln an der Gestaltung dieses Buchs, hätte man sich nicht für einen linksbündigen Satzspiegel entschieden – und dann doch die große Chance versäumt, die Flattersatz rechts bei Worttrennungen bietet. Jeder Setzer sollte doch wissen, dass die Bewahrung von Sinnzusammenhängen bei der Trennung am Zeilenende ebenso wichtig ist wie die blickgefällige Füllung einer Zeile. Flattersatz gewährt im Hinblick auf letztere Anforderung mehr Freiheiten, also sollte man die nutzen, um erstere konsequenter zu erfüllen. Aber was sollen leseflusszerstörende Trennungen wie Rheinauha-fen statt Rheinau-hafen, anthrazitfar-bene statt anthrazit-farbene, Betonsand-wichplatten statt Beton-sandwichplatten oder auch Betonsandwich-platten? Von so simplen, jedoch im Zeitalter des platz-, aber eben nicht sinnoptimierenden, geschweige denn schönen Computersatzes schon längst vergessenen Trennungen wie Ver-antwortung (und nicht Verant-wortung) oder Konstruk-tion (und nicht Konstrukti-on) gar nicht erst zu reden. Grün ist die Hoffnung, aber sie wird in dieser Hinsicht vom preisgekrönten Buch nicht genährt. Die Sorglosigkeit, mit der im „Architekturführer Köln“ bisweilen bei Worttrennungen zu Werke gegangen wurde, ist angesichts der sonst bis ins kleinste Detail gehenden Sorgfalt der Buchgestalter unbegreiflich, da sind sie einmal etwas zu grün gewesen – hinter den Ohren. Aber wir haben dann einfach auf der Jurysitzung den Vergleich mit den anderen im Wettbewerb stehenden Büchern gezogen. Wäre Trennungsgeschick das wichtigste Kriterium, dann würden hier ganz andere Bücher liegen. Trotzdem könnte selbst das schönste deutsche Buch durch die simple Beachtung elementarer sprachlicher Gepflogenheiten bei Worttrennungen noch schöner werden. Nämlich lesbarer.

 

Aber sagen wir lieber auch hier: noch lesbarer. Denn die Texte im „Architekturführer Köln“ zeichnen sich trotz ihrer programmatischen Knappheit durch große Anschaulichkeit aus, und selbst der in solchen Büchern unvermeidliche Fachjargon ist aufs Nötigste beschränkt. Da zahlt sich die Herkunft der Publikation aus: die schon erwähnte Website des Vereins koelnarchitektur, genauer gesagt der dafür erstellte Architekturführer mit dem unschönen Germanglizismus „Bauwatch“, in dem jedoch jener zugängliche Sprachstil entwickelt wurde, der nun auch das büchergrüne Buch ziert. Wir klagen sonst so oft über den Qualitätsverlust von Internetjournalismus oder netzbasierter Publizistik generell – hier hat man ein leuchtendes Gegenbeispiel, auch wenn die einzelnen Beiträge fürs Buch noch einmal überarbeitet, ergänzt und gelegentlich auch verknappt worden sind.

Die Übersetzung von der Netz- in die Buchkultur ist ebenso durchdacht erfolgt wie die Gestaltung des „Architekturführers Köln“, gerade weil beides eng zusammenhängt. Auf der Website gibt es farbige Fotografien der Objekte, auf die man im büchergrünen Buch aus sehr gutem Grund verzichtet hat. Auch wenn die durch die ausgewählten Objekte abgedeckte Zeit von 1891 bis 2014 reicht, also bis in die unmittelbare Gegenwart, ist die Anmutung durch die klassische Schwarzweißfotografie eine perfekt passende, weil damit auch die jüngsten Gebäude visuell den Status von Klassikern zugesprochen bekommen. Schwarzweißfotografie nivelliert nicht, sie erhebt, gerade in der aktuellen Reizüberflutung durch Farbe. Voraussetzung ist natürlich, dass sie gut reproduziert ist. Das ist hier der Fall, und darum stört es auch nicht, dass die Aufnahmen im Buch nicht aus einer Hand stammen, sondern von Architekturbüros, Bildarchiven und einer Großzahl freier Fotografen zugeliefert wurden, darunter bisweilen auch die Herausgeberinnen Barbara Schlei und Uta Winterhager.

 

Tobias Groß hat kein Foto gemacht und keinen Text geschrieben, aber eben dieses wunderschöne Buch gestaltet. Deshalb firmiert er völlig verdient als dritter Herausgeber. Ob seine beruflichen Anfänge bei einer kalifornischen Agentur namens „frog design“ wohl seine Liebe zum Grün begründet hat? Aber auch seine drei Mitstreiter bei „großgestalten“, Dalisay Kemper, Jazek Poralla und Vincent Tollens, müssen hier Erwähnung finden. Das Sextett aus Herausgebern und Gestaltern lebt und wirkt in Köln. Deshalb an sie ein Schlusswort, für das ich die zahlreichen hessischen Anwesenden und die aus anderen Regionen als dem Rheinland Stammenden um Verzeihung bitten möchte. Mir Kölsche hann et Hätz zwar am rechte Fleck, äwwer uns läuf immer wedder de Mull övver, wenn et Hätz zu voll wähd. Deshalv, leev Lückscher, laad üch von mir saache: Ihr hatt dat jot jemaat. Un den ollen Adenauer hätt ühr Bööcherjrün mindestens ebenso bejeistert wie dat Brückenjrün. Esu wie mich und dä janze Majjerang vun der Jury. Sick hätzlich jratuliert, ihr künnt stolz sinn op dat ding. Merci vöör ne kölsche Offenbarung. Und vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

 

Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

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